Die Themen Anosmie und Parosmie waren immer schon präsent. Durch Corona wurde dies jedoch mehr in den Fokus gerückt und auch die bisherigen wissenschaftlichen Ergebnisse finden hier wieder Anwendung.

Unser Geruchssinn

Das Wort „Geruch“, lateinisch „olfactus“ beschreibt die Sinneserregung, die von der Nase an das Gehirn des Lebewesens übermittelt wird.

Damit wir einen Geruch wahrnehmen, lösen sich die Duftmoleküle an den Riechzellen (eine Art „Übersetzer“) auf und senden einen Reiz aus, der an den Riechkolben weiter geleitet wird.

Die sogenannten Riechzellen in der Riechschleimhaut, die beim Menschen nicht größer als eine Briefmarke ist, sind mit spezifischen Rezeptoren zur Erkennung von Gerüchen ausgestattet. Der Mensch besitzt etwa 350 Riechrezeptoren und 10 Millionen Riechzellen. Zum Vergleich, der Hund besitzt über rund 1.200 Geruchsrezeptoren und kann etwa eine Million Mal besser als ein Mensch riechen. Ratten können wahrnehmen, aus welcher Richtung der Duft kommt und besitzen mehr als 1.000 Gene für Geruchsrezeptoren. Noch besser riechen Haie, die Blut im Verhältnis 1:10 Billionen wahrnehmen und Aale erkennen einen Fingerhut Rosenwasser in einem 60x so großen Bodensee. Jedoch der Geruchssieger in der Tierwelt ist der Nachtfalter, der Gerüche mit seinen Fühlern wahrnimmt. Sie sind so sensibel, dass bereits ein Duft erkannt wird, wenn 5 Duftmoleküle für eine Sekunde dort landen. (Müller-Grünow, 2018)

Insofern ist der Mensch, was Gerüche angeht, eindeutig der Verlierer und dennoch verbinden wir Gerüche mit Erinnerungen, Gefühlen und haben massive Auswirkungen auf Gehirn und Emotionen und das in Bruchteilen einer Sekunde.

„Riechen ist der einzige Sinnesreiz, der direkt mit dem limbischen System des menschlichen Gehirns verknüpft ist. In diesem Bereich entstehen Emotionen und Erinnerungen werden dort gespeichert. Düfte beeinflussen Entscheidungen instinktiv, da diese Informationen nicht rational gefiltert werden. So haben sie unmittelbare Wirkung. Geruchsreize nehmen wir sogar schneller wahr als Seh- oder Hörreize. Unser Geruchssinn ist enger mit unserem Erinnerungsvermögen verknüpft als jeder andere unserer Sinne.“ (Zit. Müller-Grünow, 2018)

Bereits im Mutterleib beginnen die Ungeborenen zu riechen. Ab der 28. Schwangerschaftswoche sind die für das Riechen zuständigen Nervenbahnen ausgereift. Geruchsmoleküle kommen durch die Plazenta der Mutter zu dem Embryo, sodass es bereits die Gerüche wahrnehmen kann, die die Mutter aufnimmt und sich auch positive oder negative Assoziationen prägen können. Viele haben es vermutlich bereits erlebt, dass Neugeborene ruhiger werden, sobald sie in den Armen der Mutter liegen und den Müttern auch empfohlen wird, keine zusätzlichen Parfüms zu nutzen, da das Baby den Geruch kennt und Geborgenheit damit in Verbindung bringt. (Müller-Grünow, 2018)

Riechstörungen

Wovon reden wir bei Riechstörungen?

  • Anosmie ist der Verlust des Geruchssinnes – übersetzt heißt es „geruchsblind“.
  • Hyposmie ist ein Begriff für eine quantitative Riechstörung (wie die Anosmie), was eine geringe Riechfunktion bedeutet.
  • Hypersmie beschreibt eine intensivere Wahrnehmung von Düften.
  • Es gibt auch die Teil-Anosmie, in der nur Teile des Geruchsvermögens verloren gehen – z.B. nur bestimmte Gerüche nicht mehr wahrnimmt.
  • Parosmie hingegen ist eine qualitative Riechstörung. Es werden Gerüche falsch wahrgenommen – z.B. riecht man an einer Banane und identifiziert es jedoch als Rose.
  • Die Phantosmie lässt einen Dinge riechen, die gar nicht da sind.

Die Ursache für Riechstörungen können unterschiedlich sein. Meist sind es Entzündungen der Nasenhöhle und -nebenhöhle bzw. ein Befall von Viren. Aber auch bei Allergien, Schädelverletzungen, Einwirkung von bestimmten Chemikalien, Medikamenteneinname (insbesondere Antibiotika), Verkrümmung der Nasenscheidewand oder Tumoren können Riechstörungen eine Folgeerscheinung sein. (Hummel, 2008)

Der Verlust oder eine Einschränkung des Geruchssinnes kann schwerwiegende Folgen haben. Alleine, wenn man sich vorstellt, es steht etwas auf dem Herd und fängt zu kokeln an, weil man es übersehen hat. Oder weiß man, wann die Jeans wieder gewaschen gehört? Ganz zu schweigen von den kulinarischen Genüssen, die leider vollkommen abhanden kommen können.

Über einen längeren Zeitraum kann dies auch nachweislich auf die Psyche gravierende Folgen haben.

Ganz spannend ist, dass man herausgefunden hat, dass der Verlust des Geruchssinnes und Parkinson und Alzheimer in Verbindung stehen. Circa vier bis zehn Jahre vor einer Parkinson-Erkrankung und ähnlich auch bei der Alzheimer-Demenz macht sie sich beim Geruchssinn bemerkbar – nämlich dass er sukzessive nachlässt. Besonders erschreckend fand ich die Studie von 2014, die besagt, dass die Unfähigkeit, Gerüche zu erkennen, für ältere Erwachsene ein starker Indikator für den Tod innerhalb von fünf Jahren. Neununddreißig Prozent der Studienteilnehmer, die einen einfachen Riechtest nicht bestanden, starben in diesem Zeitraum, verglichen mit 10 Prozent derjenigen mit gesundem Geruchssinn. (Müller et al., 2019)

Kann der Geruchssinn wieder zurückkommen?

Mit konsequentem Riechtraining kann der Geruchssinn wieder zurück gewonnen werden.

Nach ca. ein bis zwei Monaten verbessert sich der Geruchssinn bei etwa 80 bis 95 Prozent. Bei 5 bis 15 Prozent bleibt die Riechstörung Monate oder Jahre bestehen. (Hummel et al., 2009)

Riechtraining

Jeden Morgen und jeden Abend sollte man mind. 30 Sekunden an mind. vier verschiedenen Düften riechen und auch intensiv sich diesen Duft in Gedanken vorstellen. Wichtig ist, dass die Gerüche / Düfte stark sind und auch tlw. ein Kribbeln oder kühles Gefühl auslösen (wie z.B. beim Pfefferminz-Öl). Es können auch intensive Gerüche aus dem täglichen Leben, wie Essig oder ein starkes, vertrautes Parfum für ein Riechtraining verwendet werden, mit denen man bestimmte Situationen, Gefühle aus Erinnerungen in Verbindung bringt. (Hummel et al., 2009).

Dieses Training sollte mindestens vier und bis zu neun Monate durchgeführt werden. Unsere Riechzellen erneuern sich alle vier bis sechs Wochen, daher wird erst nach einiger Zeit eine Veränderung merkbar sein.

Hier kann man sich auch mit einem Riechset von ätherischen Ölen weiter helfen, wozu es auch bereits gute Forschungsergebnisse gibt. Das Basilikumöl (Chemotyp Metylchavicol (!)), z.B. hat eine außergewöhnliche Wirkung auf das zentrale Nervensystem und sollte in einem solchen Riechset fixer Bestandteil sein. Der Hauptinhaltsstoff wurde als der stärkste Hemmstoff der Acetylcholinesterase identifiziert, das gerade bei älteren Menschen mit Parkinson-, demenziellen Erkrankungen sehr hoch ist. (Faraq et al., 2016)

Um ein solches Riechtraining auch gut durchführen zu können, ist ein Riechprotokoll ratsam, das laufend geführt wird, um den Fortschritt beobachten zu können.

Riechset

Wie kann so ein Riechset aussehen:

  • blumiger Duft (Rose, Rosengeranie)
  • zitroniger Duft (Zitrone, Grapefruit, Mandarine, Orange)
  • kampferiger Duft (Eukalyptus, Basilikum, Minze, Rosmarin – Cineolgehalt wichtig)
  • würziger Duft (Gewürznelke – Eugenolgehalt)

Wichtig bei den Riechübungen ist, dass immer etwas in Gedanken assoziiert wird und auch laufend kontrolliert wird. Bei Bedarf kann natürlich variiert werden.

Aktuell ist dies auch oft in Long-Covid-Betreuungen ein Thema, den psychisch belastenden Riechstörungen. Ich betreue ebenfalls Long-Covid-Betroffene bei der Verbesserung und hoffentlich auch Wiedererlangung des Geruchssinnes.


Quellen:

  • Müller-Grünow, R. (2018): Die geheime Macht der Düfte. 1. Auflage. Edel Books. S.38
  • Hummel, 2008, vom Riechen
  • Pinto JM, Wroblewski KE, Kern DW, Schumm LP, McClintock MK (2014) Olfactory Dysfunction Predicts 5-Year Mortality in Older Adults. PLoS ONE 9(10): e107541. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0107541
  • Hummel, T., Rissom, K., Reden, J., Hähner, A., Weidenbecher, M. and Hüttenbrink, K.-B. (2009), Effects of olfactory training in patients with olfactory loss. The Laryngoscope, 119: 496-499. https://doi.org/10.1002/lary.20101
  • Farag MA, Ezzat SM, Salama MM, Tadros MG, Serya RA. Anti-acetylcholinesterase activity of essential oils and their major constituents from four Ocimum species. Z Naturforsch C J Biosci. 2016 Nov 1;71(11-12):393-402. doi: 10.1515/znc-2016-0030. PMID: 27508961.
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